Das alte St. John 's
AIte Überlieferungen ranken sich um das alte, von der wilden Brandung des Atlantiks umschmeichelte St. John's. Die niedergeschriebene Geschichte führt in die Zeit des John Cabot zurück, der am Tage des heiligen Johannes im Jahre 1497 den Ort erreichte und ihn einer englischen Seemannstradition zufolge St. John's nannte. Schon in den ersten Jahren nach Cabot's Entdeckung war St. John's Treffpunkt all jener Schiffe, die von Westeuropa nach Newfoundland segelten, um dort zu fischen.
Kapitän John Rut von der britischen Kriegsmarine beschrieb seine Eindrücke während seines Besuches im Jahre 1527. Der Brief, geschrieben an Bord seines Schiffes "Mary Guildford" war übrigens der allererste Brief der von Nordamerika nach Europa gelangte. Das an König Heinrich VII. gerichtete Schreiben wurde einem englischen Schiff mitgegeben, das mit einer Ladung Kabeljau zurückkehrte. Es war jener Kapitän Rut, der den König auf den Gedanken brachte, einen Kaufmann namens Bute mit der Gründung einer Kolonie zu beauftragen.
Bute reiste im darauf folgenden Jahr nach St John's und gründete die erste Dauersiedlung auf der Insel. Somit kann man sagen, dass die Stadtgründung im Jahr 1528 erfolgte.
Auch der berühmte französische Entdecker Jacques Cartier besuchte St. John's viele Male. So traf er sich hier im Frühsommer 1542 mit dem bretonischen Kapitän Sieur Roberval, der ihn erneut zwingen wollte gemeinsam zum St. Lawrence-Strom zu segeln. Cartier entzog sich den Wünschen seines Vorgesetzten indem er des Nachts den Hafen verließ und nach Frankreich zurückkehrte. Im Jahre 1585 schlug Sir Francis Drake sein Hauptquartier in St. John's auf, als er im Auftrag der britischen Admiralität unterwegs war. Er kaperte viele spanische und portugiesische Schiffe und brachte ihre Mannschaften als Gefangene nach England. Es war ein Versuch die spanische Armada zu schwächen, die drei Jahre später zur Invasion Englands ansetzte.
Am 5. August 1583 landete Sir Humphrey Gilbert an der Königsbucht (King's Beach). Im Namen der Königin Elisabeth nahm er die Insel in britischen Besitz. Gilbert ertrank auf der Rückreise nach England, jedoch wurde von Kapitän Hayes, der die "Golden Hind" führte, ein vollständiger Bericht über die Expedition verfasst. Er beschrieb St. John's als einen volkreichen Ort, der von vielen Schiffen angelaufen wurde. Er berichtete von den reichen Häusern der Kaufleute, die ihren Geschäften im Hafen nachgingen. Und er sprach von einem beliebten Spazierweg der zum westlichen Ende des Hafens führte. Weil dort wilde Rosen blühten, Erdbeeren und andere Früchte im Überfluss vorhanden waren, wurde die Gegend dort kurzerhand "der Garten" genannt. Der Weg den Gilbert und seine Offiziere nahmen, ist heute unter dem Namen "Waterstreet" gut bekannt. Sie kann damit das Recht als älteste Straße Nordamerikas beanspruchen. "Der Garten" aus Gilberts Tagen ist heute ein freundlicher Stadtpark.
Um in jenen alten Tagen von Rut, Drake und Gilbert für Recht und Ordnung zu sorgen, wählten die im Hafen von St. John's versammelten Mannschaften der Fischereischiffe aus gut einem halben Dutzend Nationen einen Admiral. Dieser Admiral hatte für eine Woche, bis ein anderer gewählt war, die Aufgabe, die unruhigen Geister in Schach zu halten. Somit fand an jedem Wochenende des Fest des neugewählten Admirals statt. Und es war schon eine Gewohnheitspflicht, dass er auf seinem Schiff alle Seeleute mit Speis' und Trank bewirten musste. Stellen wir es uns vor; die Trinkgelage mit braunem Ale-Bier und Met aus "merry old England", dazu der Wein des sonnigen Südens. Trinksprüche auf die ferne Heimat, ausgerufen mit rauhen Bechern aus gebranntem Ton, In schwieligen und unsicheren Händen. Dazu Lieder in verschiedenen Sprachen, die in lautem Chor die Runde machen. Die Regeln des "Fishing Admiral" wurden 1633 durch ein englisches Gesetz bestätigt. Demnach war der Kapitän des Schiffes, das zuerst im Hafen war, während der ganzen Saison für den betreffenden Hafen der Admiral.
Zu verschiedenen Zeiten wurde St. John's von feindlichen Streitkräften, sowohl von Land als auch von See her, angegriffen.
1665 eroberte ein holländisches Geschwader unter dem Befehl des berühmten De Ruyter die Stadt - und plünderte sie. 1673 erfolgte ein zweiter Versuch. Aber diesmal wurde die Stadt von Christopher Martin, einem englischen Handelsschiffkapitän, verteidigt. Martin brachte sechs Kanonen seines Schiffes "Ellas Andrews" an Land. In der Nähe des Kettenfelsens der die Hafeneinfahrt beherrschte, befahl er den Bau einer Erdbefestigung. Mit nur 23 Mann schlug der tapfere Martin den Angriff dreier holländischer Kriegsschiffe ab. Im weiteren Verlauf desselben Jahres wehrte die tapfere Truppe den Versuch eines Piratengeschwaders ab, die Stadt zu überfallen.
Nach diesen Angriffen wurden auf beiden Seiten der Hafeneinfahrt Befestigungen errichtet. Im Jahre 1689 war eine große Festung vollendet. Bekannt unter dem Namen "Fort William" stand sie dort, wo sich heute das Hotel Newfoundland über der Stadt erhebt.. Eine zweite Festung, bekannt als "Fort George", lag am Ostende des Hafens. Sie war durch unterirdische Gänge mit dem Fort William verbunden. Auf der Südseite der Hafenenge befand sich ein dritter Festungsbau, genannt "The Castle".
Sowohl 1696 als auch 1708 wurde die Stadt von französischen Truppen aus Placentia erobert. Beide Male setzten die Franzosen die Stadt in Brand, zerstörten die Befestigungen und schafften die Waffen in ihre Festung nach Placentia. Nach dem zweiten Überfall bauten die Engländer stärkere Befestigungen. Und eine Garnison britischer Soldaten wurde aufgeboten um einer neuerlichen, feindlichen Invasion zuvorzukommen. Zum letzten Mal wurde die Stadt im Sommer des Jahres 1762 überfallen. Die rasche Rückeroberung erfolgte durch britische Einheiten aus Halifax, unter Leitung von Colonel William Amherst. In Folge wurde auf einem Befehlsstand oberhalb des Stadtzentrums das "Fort Townsend" erbaut. Hinzu kamen noch verschiedene, starke Festungsanlagen auf dem "Signal Hill", sowie das "Fort Amherst" auf der Südseite des Hafeneinganges. Im Jahre 1871 wurden die Garnisonen aus St. John's abgezogen und die Verteidigungsanlagen auf Anordnung der britischen Regierung geschleift.
Das heutige St. John's zeigt sich dem Besucher als eine blühende Stadt, die sich weit nach Norden und Westen hin ausbreitet. Zu den wohl schönsten Gebäuden gehört sicher die anglikanische Kathedrale, die als bestes Beispiel gotischer Architektur in Amerika angesehen wird. Aber auch die römisch-katholische Basilika, die zum Zeitpunkt ihrer Fertigstellung vor gut einem Jahrhundert als größte Kirche im Nordteil der neuen Welt galt. Auch das Regierungsgebäude (Gouvernment House) mit seinem ausgedehnten Park und das Colonial Building mit seinen Säulen aus grauem Kalkstein sind für den Geschichtsliebhaber interessant.
Das Newfoundland Museum befindet sich in der Duckworth Street und das restaurierte Murray Premises in der Harbour Arpon. Das Zentralmuseum zeigt hauptsächlich das Leben der vorgeschichtlichen, maritim-archaischen Indianerkultur und das der späteren Ureinwoh-
ner des Landes. Dazu zählen auch die Überreste der ausgestorbenen Beothuk-Indianer, die einst in den Wäldern oder an den Küsten Zentral-Newfoundlands umher streiften. Die Ausstellungen des Museums erinnern an die Kolonialzeit der Provinz und zeichnen ein farbiges Bild des Lebens im Kampf mit Land und Meer. Das Murray Premises Museum behandelt die militärische, maritime und Naturgeschichte Neufundlands und Labradors.
In der Nähe von St. John's gibt es noch viele pittoreske Fischerdörfer. Und nach nur einer halbstündigen Fahrt mit dem Auto auf alten Wegen und an den Hausern der Fischer vorbei, kann sich der Tourist von dem Küstenpanorama verzaubern lassen. Doch falls einem der Sinn danach steht, Modernes zu besichtigen, so bietet dazu der neue Campus der Memorial Universität, das Kunst- und Kulturzentrum und eine Anzahl neuer Schulen, Kirchen und Geschäftsgebäude gute Gelegenheit.