Die Ureinwohner von Newfoundland und Labrador
Die
Geschichte der menschlichen Besiedelung von Newfoundland
und Labrador kann
zur Zeit
wenigstens 4000 Jahre vielleicht auch 6000 Jahre zurückverfolgt
werden. Untersuchungen des Nationalmuseums von Canada, des Dartmouth
College, der Memorial Universität und dem Ministerium für
Provinzangelegenheiten haben gezeigt, dass es sich letztendlich um
vier Kulturen handelte, die mehr oder weniger lang das betreffende
Gebiet ganz oder teilweise besiedelten. Die meisten Untersuchungen
waren ergiebig genug um uns ein ausreichendes Bild von den
Lebensumständen all jener Gruppen machen zu können. Doch
die archäologische Erfassung ist noch längst nicht
komplett. Jedes Jahr fördern weitere Untersuchungen neue
Bindeglieder in der langen Kette der menschlichen Besiedelung zutage.
Die
maritim-archaische Kultur
Die
ersten Bewohner Newfoundlands
Wir wissen nicht, wie sich jene Menschen selbst nannten. Wir gaben ihnen einen Namen von dem wir glauben, dass er ihre Lebensart gut beschreibt. Der Begriff "archaisch" steht für eine alte Kultur, in diesem Fall für die Zeit zwischen 2000 und 1000 Jahre vor Chr. Der Namensteil "maritim" weist auf die Wichtigkeit der Meeresküste für diese Menschen hin. Man fand ihre Siedlungs- und Grabstätten zwischen dem US-Bundesstaat Maine und dem hohen Norden von Labrador. Eine der spektakulärsten Entdeckungen machte man 1968 in Port-aux-Choix, Newfoundland. Heute steht dort ein Museum das an die Ausgrabungen erinnert. Denn dort fand man eine unversehrte Kollektion von Stein- und Knochenwerkzeugen - und die menschlichen Skelette ihrer Besitzer. Auch andere archäologische Funde deuten auf einen für die damaligen Verhältnisse guten Lebensstandard in dieser Gegend hin.
Zweifellos folgten die kleinen Gruppen von Jägern und ihre Familien dem jahreszeitlichen Kreislauf der Natur. Sie wussten sehr wohl, wo bei ihrer Wanderung welche Pflanzen, Vögel, Fische und Wild für sie die besten Nahrungsquellen darstellten. So lauerten sie im Winter den Karibuherden auf. Und vermutlich ging die Jagd auf diese Tiere bis in den Frühling. Wenn in den ersten Frühlingstagen das arktische Eis nach Süden trieb, brachte es auch die Robbenherden und vermutlich auch die Walrosse an die Küste. Dort, wo die maritim-archaischen Jäger ihre Beute machten. Vermutlich blieben sie auch während der Sommermonate an der Küste, wo die Vögel brüteten und ihre Jungen groß zogen. Fisch, besonders der atlantische Lachs, aber auch verschiedene Beerenarten lieferten ständig einen Beitrag zum täglichen Lebensunterhalt. Fiel der erste Schnee, war dies für die damaligen Jäger ein Signal in das Hinterland zurückzukehren und die Karibus zusammen zu treiben.
Speere, Lanzen, Harpunen, Dolche und Messer erzählen stumme Geschichten über das Leben der Jäger. Auch andere Artefakte liefern Informationen über das Leben der archaischen Küstenbewohner. Steinäxte, Breitbeile und Steinmeißel, einzelne Knochen und Walroßelfenbein sowie Schneidezähne von Bibern, alle auf die verschiedenste Weise geschärft, legen den Gedanken an eine gute Holzbearbeitungs-"Industrie" nahe. Vermutlich stellte man damit Speere und Schüsseln her. Vielleicht auch Einbaum-Kanus oder auch rinden- und fellbedeckte Häuser mit Holzgebälk. Auch die Steinbearbeitung hatte einen hohen Entwicklungsstand. Hierzu gehörte besonders das Schleifen von Schiefer und anderem Material. Man stellte daraus eine große Zahl von Werkzeugen, Waffen und Schmuckstücken her.
Über den Niedergang der archaischen Küstenkultur ist wenig bekannt. Man vermutet, dass sie an der canadischen Ostküste um 1000 vor Chr. vollständig verschwand. Die Gründe für ihr Verschwinden sind unklar. Neben allgemeinen Ursachen mag auch die Wanderung der Eskimos dazu beigetragen haben, die entlang der Küste Labradors nach Süden zogen.
Die "arktische
Kleinwerkzeug-Kultur"
- Ankunft der
ersten Eskimos
Etwa im zweiten Jahrtausend vor Chr. breitete sich die Eskimokultur der zentralcanadischen Arktisregion bis hin zur Küste Labradors aus. Wo sie sich zum Teil für 2000 Jahre behauptete. Überreste konnten in Labrador und Newfoundland nachgewiesen werden. Die Kultur jener Menschen nannte man "arktische Kleinwerkzeug Kultur". Sie zeichnete sich durch hervorragende Steinwerkzeuge aus, wie Harpunenspitzen, Messer und spezielle Schneidewerkzeuge, die man "blades" (Blätter, Klingen) nennt. Letztere dienten für verfeinerte Schnitzereien ( "burrins") aus Knochen, Elfenbein und Geweihknochen.
Allgemein wird diese Kultur in zwei Zeitabschnitte unterteilt. Die frühere "Prä-Dorset-Kultur" zwischen 1000 und 500 Jahre vor Chr. beschränkte sich auf die Küste von Labrador, nördlich von Main. Ihr schloss sich die "Dorset-Kultur" der Eskimos an, die sich auf der Insel Newfoundland bis 700 nach Chr. behauptete.
Man nimmt an, dass die verfügbaren Ressourcen dieser Menschen nicht wesentlich anders aussahen, als die der ersten Indianer. Robben, Walroß, Fisch, Karibu und Vögel waren Hauptbestandteil von Lebensmittel und Rohmaterial.
Der Jahresablauf mag dem der archaischen Küstenbewohner geglichen haben. Obgleich heutige Beweise darauf hindeuten, dass man schon ein größeres Zutrauen bei der Nutzung der Möglichkeiten zeigte, die die Küste bot. Wahrscheinlich hatte ein Teil der Häuser bereits Fundamente, ein Gebälk aus Holz und ein Dach aus Fell. Vielleicht benutzte man auch Schneehäuser. Obwohl offenbar verschiedene wichtige Merkmale der modernen Eskimokultur, besonders Hundegespanne, fehlten. Was übrigens als merkwürdiges Phänomen der arktischen Kleinwerkzeug-Kultur betrachtet wird.
Von den magischen oder religiösen Bräuchen dieser Menschen ist wenig bekannt. Obgleich viele fein geschnitzte Vögel und Tiere, wie auch mehr abstrakt geformte Skulpturen als Amulette oder Zauberzeichen dienen mochten. Die Begräbnissitten sind praktisch unbekannt. Nur auf der Insel Newfoundland entdeckte man einzelne Grabhöhlen, die alle mit Werkzeugen und Waffen aus der Dorset-Periode versehen waren.
Das Verschwinden der Menschen der "Dorset-Periode" ist genauso mysteriös wie das ihrer Vorgänger. Schon vor dem Zeitpunkt als die Norweger Newfoundland besuchten, verloren sich alle Spuren ihrer Kultur. Daher erscheint es als unmöglich, dass es sich bei ihnen um jene "Skraelinger" waren, die in den norwegischen "Sagas" erwähnt wurden.
Erneute Einwanderungen nach Newfoundland und Labrador
Nach der Dorsetperiode drangen zwei kulturell höher stehende Volksgruppen bis nach Newfoundland und Labrador vor. Die einen - die "Thule-" oder neuen Eskimos - kamen aus dem Norden und breiteten sich an der Küste Labradors rasch aus. Die zweite Gruppe dagegen - Algonkin sprechende Menschen aus den Waldgebieten von Quebec-Labrador besetzten die Insel Newfoundland und das südliche Labrador.
Die bereits erwähnten Eskimos brachten Hundeschlitten, Kajaks und größere Fellboote, die Walfangtechnik und andere Elemente der klassischen Eskimo-Kultur mit. Sie dürften um 1400 n. Chr. herum die Küsten Labradors erreicht haben. Ihre Nachkommen sind noch heute in den Gemeinden von Nain, Hopedale und Makkovik zu finden. Und noch heute verdienen sich im Winter viele ihren Lebensunterhalt in der Art und Weise, die der ihrer Vorfahren nicht unähnlich ist.
Die zweite Einwanderungsgruppe, Völker der Naskapi und Montagnais aus Labrador und die heute ausgestorbenen Beothuk-lndianer Newfoundlands, hat ihre Wurzeln vermutlich im Inneren von Quebec und Labrador. Seit tausenden von Jahren nutzten jene Menschen die Möglichkeiten, die ihnen der Nadelwald und die Seen boten. Erst relativ spät erreichten einige Gruppen die Küste und passten sich dem Leben dort an. Die Anpassung der Beothuk ging so weit, dass sie die Fähigkeit entwickelten, die tückische Meeresstraße der Belle lIsle zu überqueren. Sie setzten sich an der Küste Newfoundlands fest. Die Montagnais und die Naskapi leben noch heute auf der Halbinsel von Labrador. Wobei sich die ersteren auf das Landesinnere beschränken, was vermutlich auch ihre ursprüngliche Heimat ist. Die Naskapi teilen ihre Zeit zwischen der sommerlichen Küstenfischerei und der alljährlichen Karibujagd im winterlichen Waldland des nördlichen Labradors auf.
Die Beothuk hatten kein so glückliches Schicksal. Die letzten Mitglieder ihres Volkes starben zu Beginn des vorigen Jahrhunderts. Für ihr Verschwinden gibt es vielfältige Gründe. Ohne Zweifel haben europäische Krankheiten und das Töten von Indianern - als Vergeltung für tatsächlichen oder eingebildeten Diebstahl - mit dazu beigetragen. Ein weiterer Grund für ihr Verschwinden dürfte sein, dass sie im Kampf mit den ersten (europäischen) Fischern den Zugang zur Küste verloren. Es gibt gute Hinweise, dass die Beothuk den Hauptteil des Jahres an der Küste verbrachten. Daher war ihre wirtschaftliche Basis auf die nur dort vorkommenden Vögel, Wildtiere und Fische ausgerichtet. Die Lagerplätze entsprachen denen der ersten Fischer und die daher bald die Indianer mit ihren überlegenen Waffen von dem Lebensraum Küste vertrieben. Man kann sie die Auswirkungen auf eine Küstenbevölkerung vorstellen, denen es unmöglich gemacht wird das Meer zu erreichen. Dies war wohl der ausschlaggebende Grund der letztendlich ihr Ende einläutete, lange bevor die letzten Mitglieder ihres Volkes von den Europäern erschossen wurden.
Über mehr als viertausend Jahre hinweg ist die Vorgeschichte Newfoundlands und Labradors von einer Reihe tiefgründiger Veränderungen gekennzeichnet. Die Gründe für diese Veränderungen - die wohl auch die gegenwärtige Wanderung innerhalb der Provinz mit einschließt - sind gegenwärtig noch unklar. Aber viele Fragen, die in der laufenden Diskussion aufgeworfen werden, werden durch die fortdauernden Untersuchungen in vielen Teilen des Landes hoffentlich eines Tages eine Antwort finden.