Die Beothuks


Zu Beginn der europäischen Expansion und der Besiedlung von Newfoundland waren die Beothuk die eingeborene Bevölkerung der Insel. Mit Beginn der neuen Einwanderung von Europäern und Mimac-lndianern aus Nova Scotia löste sich die Lebensweise dieser Indianer nach und nach auf.

Obwohl die ersten Kontakte zwischen diesen Menschen freundlich verliefen, nahmen Mißverständnisse und Argwohn zu. Das Ganze spitzte sich zu, als wegen echter oder vermeintlicher Ungerechtigkeiten von beiden Seiten Morde verübt wurden. Hinzu kam noch der Hunger, als die eingedrungenen Europäer den Beothuk unwissentlich den Zugang zu ihrem althergebrachten Lebensraum, der Küstenregion, verwehrten. Anfang des 19. Jahrhunderts war es dann soweit, dass diese Menschen als eigenständiges Kulturvolk aufhörten zu existieren.

Nachforschungen bei den letzten Beothuk ermöglichten eine teilweise Rekonstruktion ihrer Kultur, der Sprache und ihrer traditionellen Lebensweise, die mit der tragisch verlaufenden Geschichte so schnell - und auch für immer - beendet wurde.

Die Beothuk waren Jäger. Sie nutzten alle Nahrungsquellen, die auf der Insel reichlich vorhanden waren. Die einzelnen Nahrungsquellen standen aber nur saisonweise zur Verfügung. Entweder an der Meeresküste oder in den Wäldern und Tundren des Landesinneren. Somit gab es jedes Jahr zwei große Wanderungen in die jeweiligen Jagdgebiete, um deren Ressourcen zu nutzen.

Im Frühling und Sommer wandte man sich der Küstenjagd zu. So der Jagd auf Robben, Wale und andere Meeressäuger, die in dieser Jahreszeit zahlreich vorhanden waren. Zweifellos waren bei ihrem Aufenthalt an der Küste auch die tausende von Küsten-und Seevögel mit ihren Eiern eine weitere wichtige Nahrungsquelle. Mit der Ankunft am Meer zerstreuten sich die einzelnen Familien entlang der Küste. Befand man sich im Landesinneren, galt die ganze Aufmerksamkeit den Karibus, die sich jetzt zu Herden zusammenfanden und zu Hunderten auf die Wanderung gingen.

Und so ist zu vermuten, dass sich auch die Familiengruppen zur Karibujagd zusammenschlossen. Beispielsweise um die "Deer Fences", die Fangzäune instand zu setzen - die sich, wie berichtet, kilometerweit hinzogen. Die Zäune lenkten die wandernden Herden in ein Gebiet, wo sie leichter erlegt werden konnten. Diese Tiere lieferten Felle für Kleider und Zeltunterkünfte und Fleisch für das Überleben im Winter. Während dieser Monate ergänzte Kleinwild, wie Biber und Fuchs, den Speiseplan.

Mit dem Frühling kehrte man an die Küste zurück, die nun mit ihren Nahrungsquellen wieder zur Verfügung stand. Diese Wanderungen wurden wahrscheinlich durch die Benutzung der großen Flußsysteme, wie die des Exploit River, des Gander und Terra Nova Rivers erleichtert.

Durch alte, historische Aufzeichnungen und durch archäologische Ausgrabungen sind die Zeltkonstruktionen der Jagdlager an der Küste und der im Landesinneren bekannt.

Im Winter handelte es sich bei den Unterkünften um "Mamateeks". Diese kreisförmigen Konstruktionen wurden aus einem Gerüst stabiler Stangen, die sich in der Mitte trafen, gebildet. Im Zentrum befand sich eine Öffnung um den Rauch entweichen zu lassen. Das Gerüst wurde mit einer Lage aus Tierfellen oder Birkenrinde bedeckt. In einigen Berichten heißt es, dass auch Segeltuch verwandt wurde, das man von den Europäern eintauschte. Um einen wirksamen Schutz gegen die Wetterunbilden zu erreichen, bedeckte man zum Schluss die Außenseite des "Mamateek" mit einer Erdschicht.

Auf verschiedenen, archäologischen Grabungstätten kann man durch diese äußere Erdschichtung den Außenumfang des Mamateeks erkennen. Es handelt sich um eine mehrseitige Form, wobei die Erdschichtungen von Stützpfosten zu Stützpfosten reichen. So zeigte sich bei einer Ausgrabung am Red Indian Lake ein sechsseitiges Mamateek mit einer Fläche von 7,5m x 7,5 m. Eine große Feuerstelle im Innenraum lieferte während der Wintermonate Wärme und diente auch als Kochstelle. In einer Ecke befand sich eine Plattform, die als Vorratslager diente. Um die Feuerstelle herum fand man längliche Vertiefungen oder Aushöhlungen. Hierbei handelte es sich um die persönlichen Schlafstätten.

Eine andere Grabungsstätte am Exploit River enthüllte ein ähnlich mehrseitiges Mamateek. Um diese Winterwohnung herum fand man verschiedene Stein- und Knochenhaufen. Die Steinhaufen dürften für Dampfbäder benutzt worden sein, oder wurden einfach als Steinvorrat für die Feuerstelle des Mamateek gebraucht. Die Knochenhaufen stammen von aufgebrochenen Karibuknochen, die man kochte, um an das Mark und Öl zu gelangen. Kochendes Wasser erzeugte man, in dem rotglühende Granitsteine in einen wassergefüllten Behälter geschüttet wurden. Zuerst wurde das Öl von der Wasseroberfläche abgeschöpft. Dann wurden die übriggebliebenen Steine und Knochenreste und das Wasser zur Seite geschüttet. Wo sie nun Jahrhunderte später von den Archäologen wiederentdeckt wurden.

Die Küstenbehausungen sind bislang in keiner historischen Abhandlung ausreichend beschrieben worden. Wegen dem Fehlen von Daten haben die Archäologen bislang nur teilweise eine Klärung herbeiführen können. Einerseits fand man an der Bonavista Bay vier kreisförmige Vertiefungen von 3,6 bis 6,9 Metern. Aber auch der aufgefundene äußere Erdwall gibt keinen Anhaltspunkt für die Konstruktion. In diesen Fällen handelt es sich um kreisförmige Bauten. Der erkennbare Unterschied im Wandaufbau und des Innenraumes könnte auf eine vom Klima begünstigte Sommersiedlung hindeuten. Wie auch als Hinweis, dass zu dieser Jahreszeit die Familiengruppen kleiner waren.

Die Existenz dieser Küstenlager gründete sich hauptsächlich auf die Jagdgewohnheiten. Man errichtete diese Küstenlager hauptsächlich wegen der Robben und der im Frühjahr vorhandenen Jungtiere. In den außerhalb gefundenen Abfallhaufen wurden aber auch Reste von Meeresenten, Kormoranen und schwarzen Bären festgestellt. Dies bedeutet, dass die Beothuk ihr Lager während des ganzen Sommers bewohnten und die Nahrungsangebote so lange wie möglich nutzten.

Natürlich fand man an den Wohnplätzen im Landesinneren und an der Küste auch einzelne Gebrauchsgegenstände ihres täglichen Lebens. Unglücklicherweise sind Werkzeuge aus Knochen oder Holz über die Jahrhunderte hinweg nicht erhalten geblieben. Daher fand man nur Gegenstände aus Stein. Dies sind hauptsächlich Speer- und Pfeilspitzen, die die Jagdaktivitäten widerspiegeln. Auch wurden einige Schaber gefunden, die der Vorbereitung von Hauten und Fellen dienten, die als Kleidung, Dekoration oder Schutzplanen gedacht waren.

Einige Einzelbeispiele der schnell vergänglichen Gebrauchsgegenstände fand man nur in den Grabstätten der Beothuk. Sie blieben nur deswegen erhalten, weil sie mit einer Mischung aus rotem Ocker und Fett eingerieben waren. Was praktisch eine natürliche Konservierung darstellte.

Aus verschiedenen Beothukgräbern haben wir Beispiele ihrer Lederbekleidung. Versehen mit Rüschen, Einfassungen aus Birkenrinde und zuweilen mit dekorativen Nähten und gekerbten Rändern verziert. Dazu Anhänger aus Knochen und Elfenbein mit reich verzierten Schnitzereien und Ritzereien, die stilistisch einzigartig sind. Und in einem Grab fand man eine hölzerne Figur, die einen männlichen Indianer darstellt. Gelegentlich fand man neben dem Körper auch Gegenstände, die von den europäischen Fischern und Siedlern stammten. Diese Metallmesser, Nägel, Säbel und Tonpfeifen weisen darauf hin, dass die Beothuk schon früh mit französischen und englischen Seeleuten Kontakt hatten.

Aussagen über die religiöse Glaubenswelt der Beothuk sind sehr spekulativ. Verschiedene Zeremonien hatten sicher etwas mit Ereignissen, wie Jagdglück, gesunde und erfolgreiche Kindergeburt und mit der Wiederherstellung der Gesundheit zu tun. Greifbare Hinweise gibt es nur über die Beerdigungsbräuche. Die sorgfältige Pflege des Toten und die Opfergaben geben ein Bild ihrer Glaubenswelt.

Die Gräber der Beothuk befinden sich - soweit sie entdeckt wurden - fast ausschließlich in küstennahen Höhlen oder im Schutz von Felsen. Man fand sie in zahlreichen Buchten über die ganze Insel verstreut. In einigen wenigen Fällen gibt es in diesen Höhlen steinerne Gruften. Die Grabstätte selbst ist mit einem Dach aus Birkenrinde und Stangen abgedeckt. Der Körper und die Gebeine wurden verschwenderisch mit rotem Ocker bedeckt. In vielen Kulturen steht er für die Kraft des Lebens. Auch die einzelnen Gegenstände, die dem Leichnam mitgegeben wurden, waren mit diesem Ocker bedeckt. Heute sind diese feingearbeiteten Stücke wertvolle Hinweise auf die Beothuk-Kultur.

Die körperlichen Überreste bestätigen nicht die oft geäußerte Meinung, dass diese Indianer von großer Statur und Größe waren. Die zahlreichen Gräber, die bislang von den Archäologen entdeckt wurden, waren bereits geöffnet und verwüstet. Die Skelette lagen zu weit verstreut und waren zu bruchstückhaft, um für eine Analyse, wie Größe, Alter oder Geschlecht, geeignet zu sein.

Eine seltene Ausnahme ist das ziemlich vollständige Skelett eines männlichen Beothuk-lndianers in der Sammlung des Newfoundland Museums. Es zeigt eine bemerkenswert große Person mit einer geschätzten Größe von 1,80 Meter.

Wie auch immer, Sowohl John Guy, der im Jahre 1610 die erste englische Kolonie auf Newfoundland gründete, als auch Lieut. David Buchan, R.N., der zu Anfang des 19 Jahrhunderts zahlreiche Begegnungen mit den Beothuk hatte, beschreiben sie unterschiedlich.

Von beiden Forschern werden sie als durchschnittlich groß bezeichnet, mit hellbrauner Haut, dunklem Haar und dunklen Augen. Buchan wies auf die Tatsache hin, dass sie ihren Körper und ihre Kleider mit rotem Ocker und Fett einrieben. Diese Gewohnheit wird in verschiedenen historischen Abhandlungen erwähnt und scheint der Grund gewesen zu sein, die Beothuk als "Rothäute" zu bezeichnen.

Aus der Zeit zu Beginn des 19. Jahrhunderts sind zwei Beothukfrauen, Demasduit und Shanawdithit, bekannt. Auch sie waren nicht von außergewöhnlicher Größe und entsprachen somit den Beschreibungen von John Guy und David Buchan.

Die Namen dieser zwei Frauen, Demasduit bzw. Mary March und Shanawdithit bzw. Nancy, sind den Beothuk-Forschern gut bekannt. Beide lebten unter den Siedlern in verschiedenen Gemeinden. Sie sind die Quellen unschätzbarer Detailkenntnisse der Beothuk-Kultur. Kenntnisse, die vorher unbekannt waren. Besonders Nancy berichtete in illustrierten Schilderungen von den verschiedenen Lebensmitteln, die ihr Volk benötigte. Von einer Winterbehausung bzw. Mamateek, aber auch über verschiedene mythologische Einzelheiten. Weiter gibt es verschiedene Darstellungen über die Vorgehensweise beim bewaffneten Kampf zwischen ihren Leuten und den Europäern am Red Indian Lake.

Die wohl wichtigsten Hinweise, die unabhängig von den Schilderungen jener Frauen vorgefunden wurden, sind die Listen der Wörter, die nun in zwei Wörterverzeichnissen eine Zusammenfassung ihrer Sprache darstellen. Diese Überbleibsel sind ein guter Schlüssel zur Identifizierung dieser Menschen. Sprachwissenschaftlich betrachtet, gehören sie zur großen Algonkin-Familie.

Die wachsenden archäologischen, ethnologischen und sprachwissenschaftlichen Befunde zeigen in der Tat, dass die Beothuk sowohl von der Sprache als auch von der Kultur her ein Teil der großen Volksgemeinschaft der Algonkin sind, die sich heute über die maritimen Gebiete des östlichen Canadas ausgebreitet haben.

Nicht restlos geklärt sind ihre prähistorisch, kulturellen Vorfahren. Wie auch die Zeit ihres letzten Auftretens auf Newfoundland. Immerhin haben die archäologischen Forscher die prähistorische Inbesitznahme des insularen Newfoundlands aufgehellt. Sie bestand aus zahlreichen Einwanderungen verschiedener kultureller Gruppen. Dies schließt die ersten maritim-archaischen Indianer genauso ein, wie die Dorset Eskimos und zum Schluss die Indianer, die zu Beginn der neuen Einwanderer, der Europäer, als Beothuk bekannt waren.

Es verstärkt sich die Vermutung, dass die Beothuk möglicherweise von den ersten maritim-archaischen Indianern abstammen könnten. Könnte dies einmal nachgewiesen werden, wären sie die geschichtlich bekannten Nachkommen eines Indianervolkes, das seit Beginn der Inbesitznahme vor vielen tausend Jahren Newfoundland fortlaufend besiedelte.