Die Portugiesen in den Gewässern Newfoundlands
Seit mehr als vier Jahrhunderten bietet der sichere Hafen von St. John's den Schiffen vieler Nationen Schutz. Die malerische Ansammlung ausländischer Schiffe, zu Zweien und Dreien an der Wasserfront liegend, geben ein faszinierendes Bild ab, wenn Sturmwarnungen den Fischfang auf der "Grand Bank" zum Erliegen bringt. Das ist der Zeitpunkt, wo die Schiffe in dem günstig gelegenen, dem Westen zu völlig abgeschlossenen Hafen Schutz suchen.
Die derben Schiffe der "weißen Flotte" Portugals sind besonders bekannt. Seit Beginn der niedergeschriebenen Aufzeichnungen dieser Region schickt Portugal seine Schiffe zu den „Grand Banks“.
Mit den Seeleuten und Fischern aus Frankreich, Spanien, Norwegen, Rußland, Deutschland und Großbritannien genießen die Portugiesen die Gastfreundschaft St. John's. Praktisch alle Seefahrernationen beiderseits des Atlantiks beuten die reichen Fischgründe der "Grand Banks" aus. Bei diesen großen Fischbänken handelt es sich um ein großes unterseeisches Plateau des Kontinentalshelfs das sich östlich der neufundländischen Kap Race über 50 Seemeilen hinweg erstreckt.
Als John Cabot im Jahre 1497 von seiner Entdeckungsreise zurückkehrte, berichtete er von dem Überfluß an Kabeljau den er in den Küstengewässern Newfoundlands vorfand. Dies weckte ein starkes Interesse bei den ostenglischen Fischern. Sie überzeugten die Krone davon, ein strenges Anti-Besiedlungsgesetz zu erlassen. Dies verhinderte nach der Entdeckung für viele Jahrhunderte jede wesentliche Kolonisierung des "New Founde Lande".
Obgleich die scharfen Gesetze jede Ansiedlung britischer Kolonisten verhinderte, konnten sie die anderen Länder nicht davon abschrecken, an der „Fischbonanza" auf den Grand Banks teilzunehmen.
Das fünfzehnte und sechzehnte Jahrhundert sah den Beginn der portugiesischen Entdeckungsfahrten. Was auch das seemännische Können widerspiegelt mit dem kühne portugiesische Steuerleute in die entlegensten Ecken der Welt reisten.
Einige ihrer Namen sind allseits bekannt. Prinz Heinrich von Portugal , genannt der Seefahrer, Magellan und Vasco da Gama werden von allen belesenen Personen sogleich wiedererkannt. Andere sind nur den Geschichtsgelehrten bekannt. Auf der Suche nach der Nord-West-Passage unternahmen die Gebrüder Gaspar und Miguel Corte Real kühne Seereisen. Dies geschah im Jahre 1501-1502, „mit Gottes Segen“ und in winzigen Karavellen. Auf der Suche nach seinem Bruder verschwand Miguel spurlos in den nördlichen Gewässern. Ihm wird von einigen Historikern die Entdeckung der Küsten von Grönland bis hinunter nach Neuengland zugeschrieben.
Schon vor 1525, mehr als ein Jahrzehnt vor den gut überlieferten Reisen des Jaques Cartier, segelten zwei andere Portugiesen, Alvarez Fagundes und Esteban Gomez (der letztere in spanischen Diensten) in den St. Lawrence Golf und in die Bay of Fundy. In Anerkennung der großen Leistungen der Brüder Corte Real bewilligte der König von Portugal ihrem Bruder und seinen Nachkommen „wirklichen und immerwährenden Besitz des Festlandes und der Inseln", die von Gaspar Corte Real während seiner Expedition entdeckt wurden. Die Expeditionen wurden von seiner Familie auf den Azoren finanziert und unter großem materiellen und physischen Aufwand ausgerüstet. 1520 bewarb sich Fagundes um ein königliches Lehen über die Länder, die er „innerhalb der portugiesischen Einflußsphäre" zu entdecken hoffte. Einige der Ortsbezeichnungen des von ihm entdeckten Westteils Newfoundlands wurden später ins Englische oder Französische übernommen.
Es ist von einigen Historikern die These aufgestellt worden, dass die Portugiesen die Ersten waren, die die Fischgründe der Grand Banks nutzten. Unterstützt wird diese Theorie durch eine schon vor dem Jahre 1506 erhobene Zusatzsteuer auf Kabeljau, die der portugiesische König Manuel erhob. Für mehr als ein Jahrhundert seit der Entdeckung kannte man in Westeuropa die Insel unter dem Namen "Tierra dos Bacallaos" (Land des Kabeljaus). So wurde sie auch in einer Seekarte bezeichnet, die 1569 von dem berühmten Holländer, Gerardus Mercator, herausgegeben wurde. Er war es auch, der Labrador (portugiesisch.: Bauer) als „Terra Corte Realis" bezeichnete.
Die ältesten und geschichtsträchtigsten Teile der Insel Newfoundland tragen noch heute ihre portugiesischen Namen. Weil im 16. Jahrhundert viele Kartographen Portugiesen waren, waren sie diejenigen, die den wichtigsten Kaps, Buchten, Häfen und Inseln der Ost- und Südostküste Newfoundlands ihre Namen gaben. Schon vor 1502 bezeichnete eine portugiesische Seekarte das heutige Newfoundland als „das Land des Königs von Portugal".
Trotz ausgesprochener königlicher Lehen für das von den ersten portugiesischen Forschern neu entdeckte Land gibt es keinen Hinweis darauf, dass es einen organisierten oder entscheidenden Versuch gegeben hat, den Besitzanspruch durch Militär, Seestreitkräfte oder Kolonisierung aufrecht zu erhalten. Wie andere Schiffahrtsnationen auch, schickte Portugal seine Fischereiflotten nur während der Fangsaison zu den Grand Banks. Für die nachfolgenden Generationen von Seeleuten und Fischern aus den verschiedensten Fischereiländern wurde St. John's zu einem vertrauten Hafen. Für mehr als vier Jahrhunderte behielt er seine Bedeutung als Haupthafen mit internationalem Niveau.
In der Zeit von Mai bis Oktober eines jeden Jahres verleiht die "weiße Flotte" Portugals dem Hafen von St. John's einen einzigartigen Charme. Bis in die Fünfziger des vergangenen Jahrhunderts handelte es sich bei diesen Schiffen noch um die traditionellen "Grand-Bank-Schooner", auf deren Decks die bunt bemalten Ruderboote (Dories) aufgestapelt waren. Sie wurden von moderneren Draggers und Trawler abgelöst.
Der wohl bemerkenswerteste Grund für die lange Verbindung Portugals mit Newfoundland liegt in der gegenseitigen freundlichen Beziehung zwischen den vielen hundert Fischern und der Bevölkerung von St. John's. Und weil diese Beziehungen nie von ernsthaften Spannungen überschattet wurden. Und es ist eine besondere Anerkennung dieser rauhen, hart arbeitenden Männer der portugiesischen Flotte, dass man sie wegen ihren guten Rufes, ihres guten Benehmens in einem ganz besonderem Maße willkommen heißt. Männer, die in den kurzen Sommermonaten zu Tausenden eine freundliche Invasion von Newfoundlands provinzieller Hauptstadt darstellen.
Bei zwei Ereignissen in den vergangenen Jahren wurde der besonderen Freundschaft von Newfoundland und Portugal öffentliche Anerkennung zuteil. So 1955, als man in St. John's das hundertjährige Jubiläum der römisch-katholischen Kathedrale feierte. Ein Höhepunkt der Feierlichkeiten war eine Parade von mehreren tausend portugiesischen Fischern, die vom Hafen aus durch die Stadt bis zur Basilika marschierten. Dort überreichten sie als Geschenk eine Statue der heiligen Mutter Gottes von Fatima.
Im Jahre 1965 versammelten sie sich erneut und enthüllten mit vielen Zeremonien eine riesige Bronzestatue von Caspar Corte Real. Sie wurde an einer herausragenden Stelle am Prinz Philipp Drive, in der Nachbarschaft des Confederation Building, dem Sitz der Provinzregierung, aufgestellt.
Die Statue steht auf einem großen Betonsockel. In ihm wurde in großen Buchstaben eine Inschrift eingraviert, die ein Zeugnis für die historisch, internationale Freundschaft ablegt. Es heißt dort: „Caspar Corte Real, portugiesischer Steuermann. Er erreichte Terra Nova im 15. Jahrhundert zu Beginn der Zeit der großen Entdeckungen. Von der portugiesischen Fischereiorganisation als ein Zeichen der Dankbarkeit. Im Namen der portugiesischen Grand Bank Fischer für die freundliche Gastfreundschaft, die ihnen von der Bevölkerung Terra Novas stets entgegengebracht wurde - Mai 1965"