Die Westküste


Die Westküste Newfoundlands, von Port-aux-Basques bis Kap Norman, hat einen etwas anderen geschichtlichen Hintergrund als die übrige Provinz. Die Besiedelung erfolgte nicht nur später, die Herkunft der Menschen ist auch differenzierter und auch die wirtschaftliche Entwicklung hatte ihr eigenes Muster.

Für zwei Jahrhunderte unbevölkert, für zwei weitere Jahrhunderte ein umstrittenes Gebiet außerhalb der Gesetze, war das Land im wahrsten Sinne des Wortes ein "Spielball des geschichtlichen Mißerfolges.

Im Juni 1534 erkundete Jacques Cartier aus St. Malo die Westküste Newfoundlands. Übrigens hat die Geschichte der Entdeckung durch die Erzählung mit den einfachen Worten der Seeleute ihren eigenen Reiz. Er segelte in die Westhälfte der Straße der Belle Isle bis zur Höhe von Brest, und kehrte dann zur Küste Newfoundlands zurück. Anfangs sahen sie scheinbar zwei Inseln am Horizont auftauchen. Doch es handelte sich dabei um zwei hohe Gipfel der Long Range Mountains - auf der Rückseite von Point Riche. Am nächsten Tag segelten sie mit einer leichten Brise südwärts -immer der Küste entlang. Im Hintergrund erhoben sich hohe und furchterregende Berge. Zwischen den Bergen und der Küste erstreckte sich der Wald. Einen Gipfel nannte Cartier La Granche, weil er ihn an ein Bauernhaus erinnerte. Während der Nacht ankerten die zwei Schiffe am Kap Pointu, dem heutigen Cow Head. Als ein Sturm aufkam, befahl der vorsichtige Seemann seinen Schiffen, Anker auf zu gehen und in den freien Seeraum des Golfes zu segeln. Zwei Tage später befanden sich in der Bay of Islands. Sie erforschten die Port-aux-Port Bay, wo sie Kabeljau in Hülle und Fülle fanden. Cartier beschrieb die heute als "Gravels" bekannte Landenge und die von ihm benannte Landzunge des Kap Delatte. Erneut zwang stürmisches Wetter die Schiffe dazu die offene See aufzusuchen. Nach drei Tagen sichteten sie Kap Anguille, dass sie jedoch Kap St. Jean nannten. Von diesem Punkt aus wandten sich die Schiffe westwärts, bis zur Höhe von Gaspe. Durch die Straße der Belle Isle kehrten sie nach Frankreich zurück. Im darauf folgenden Jahr erforschte Cartier den St. Lawrence-Strom bis Hochelaga, dem heutigen Montreal. Er überwinterte in Quebec und kehrte durch die Cabot Straße nach Hause zurück. Dies war die Erstumsegelung Newfoundlands.

Der Frieden von Versailles, im Jahre 1783, räumte Frankreich Fischereirechte an der Westküste Newfoundlands ein. Man war der Meinung, ausschließlich Frankreich dürfe dort Fischfang betreiben. Doch Britannien widersprach dieser Auffassung. Und so stritten sich beide Länder in langen Verhandlungen, während sich die Menschen auf der Insel Newfoundland in Geduld fassen mussten. Erst 1904 wurde die Ursache des Streites ausgeräumt. Die Franzosen verzichteten auf ihre Ansprüche - im Austausch gegen ein Stück Land in Westafrika.

Die Landkreise von St. George und St. Barbe waren erstmals 1882 im Parlament von Newfoundland vertreten. Nur fünf Jahre zuvor ernannte man die ersten Zollbeamten. Und noch in den späten 1890ern verbot die britische Regierung den Bau einer Eisenbahn quer durch die Insel, mit Endpunkt in St. George. Man befürchtete Konflikte wegen französischer Gebietsansprüche.

Während man an der Ostküste hauptsächlich vier Volksgruppen unterscheidet, gibt es im Westen Newfoundlands deren acht. Es handelt sich dabei um Franzosen aus Frankreich, Acadian-Franzosen, Micmac-lndianer, Engländer, Leute von den englischen Kanalinseln, Iren, Schotten und Schotten aus Nova Scotia. Sowie französische Fischer, die von baskischen oder Schiffen von der französischen Biscaya desertierten. Zu Beginn des siebzehnten Jahrhunderts errichteten die Franzosen im Westen der kleinen Nordhalbinsel Fischereistationen.

Die Acadlan-Franzosen aus dem Minas Basin in Nova Scotia gingen nach ihrer Vertreibung zuerst nach Louisburg. Nach dem Fall der Festung im Jahre 1758 wanderte ein kleiner Teil nach Newfoundland aus und suchte in den abgelegenen Buchten der Bay St. George und der Port-aux-Port Halbinsel Frieden. Ihre Nachkommen sprechen noch heute den Dialekt aus der Region von Paris.

Seit 1650 und auch später hatten die Micmac-lndianer aus Nova Scotia die Angewohnheit, jeden Herbst in Newfoundland auf die Pelzjagd zu gehen. Daneben waren sie den Acadian-Franzosen freundschaftlich verbunden. Und als die einen sich an der Westküste niederließen, nahmen auch die Indianer dort ihren Wohnsitz. Die ersten Händler aus England und der Insel Jersey erschienen um 1770. Sie siedelten in St. George's und an der Bay of Islands. Die Iren folgten wenig später und fanden Arbeit in den Handelsgesellschaften. Als letzte Einwanderer kamen vor gut einem Jahrhundert schottische Bauern aus Nova Scotia. Sie errichteten ihre Höfe im malerischen Tal von Codroy.

Die Westküste bietet viele touristische Sehenswürdigkeiten. Hier gibt es die besten Lachsgewässer des ganzen Landes. Das Landschaftspanorama ist wohl das beeindruckendste, das Newfoundland zu bieten hat. Dies gilt teilweise auch für die Regionen von Codroy, der Bay of Islands und das einmalige Humber Valley, mit der von Bergen umschlossenen Bonne Bay.

Das wirtschaftliche Herz der Westküste schlägt in Corner Brook. Dort befindet sich eine der weltweit größten Papiermühlen. Um dieses industrielle Zentrum herum wuchs eine prosperierende Stadt, die in ihrer wirtschaftlichen Bedeutung mit der Hauptstadt St. John's wetteifert.