Placentia

Seien Sie versichert, in Placentia wandern Sie durch den Staub des britischen Empires. Schon der Name bringt Sie zurück in jene ferne Zeiten, da Cäsar's Legionen am Fuße der Pyrenäen rasteten. Ihren Ruheplatz nannten sie Placentia. Was die Beschreibung für einen Lagerplatz ist, der inmitten von Hügeln gelegen ist.

Vielleicht sahen die Basken hier im "Neuen Land" eine gewisse Ähnlichkeit mit ihrer Heimat. Jedenfalls gaben sie diesem Hafen, der von tannenbewachsenen Hügeln eingerahmt wird, den Namen Placentia.

Die Basken gehörten zu den ersten europäischen Fischern, die nach der Entdeckung durch Cabot, Nordamerika besuchten. Einige Historiker behaupten sogar, dass baskische Schiffe schon vor den Reisen von Columbus und Cabot die "Grand Banks" und die "Insel des Kabeljaus" entdeckten. Neue archäologische Unterwassergrabungen in Red Bay, Labrador, stützen die Meinung dass es die Basken waren, die als Erste in die Straße der Belle Isle segelten, wo sie eine große Zahl von Walen, Walrössern und Robben fanden. Sie hatten Fischereistationen in Trepassey, St. Mary's, Placentia und Miquelon, die sie alle nach den Städten ihrer Heimat nannten.

Der Chronist Hakluyt berichtete, dass im Jahre 1592 ein englischer Kapitän namens George Orake Placentia besuchte und hier auf sechs baskische Schiffe traf.

1611 schrieb John Guy in einem Brief von der Absicht nach Placentia zu reisen, weil es ein guter Handelsplatz sei.

Die Franzosen folgten den Basken an die Südküste Newfoundlands. Dort lernten sie von ihnen die besten Fanggebiete der Kabeljaufischerei kennen. Im Jahre 1662 entschied sich Frankreich sein westliches Imperium auf Newfoundland auszudehnen, da diese Insel den Eingang zum St.Lawrence-Golf beherrschte. In Placentia bauten sie eine starke Festung und stationierten dort eine Garnison Soldaten und mehrere Kriegsschiffe. Als gegen Ende des sechzehnten Jahrhunderts im Kampf um die Vorherrschaft in der Neuen Welt ein Krieg zwischen England und Frankreich ausbrach, war Placentia der Ausgangspunkt französischer Truppen, als sie die Halbinsel Avalon überrannten und englische Siedlungen zerstörten. Im Gegenstoß versuchten britische Marinestreitkräfte die Festung zu nehmen. Aber es zeigte sich, dass die Verteidigung zu stark war. 1713 machte der Friede von Utrecht den französischen Besitzungen in Placentia ein Ende. Entsprechend den Friedensbedingungen zog sich Frankreich aus Newfoundland zurück und gab seine Fischereirechte an der Nordküste auf. Die französische Bevölkerung, die von Placentia, St. Pierre und anderen Orten an der Südküste vertrieben wurde, siedelte sich an der St. Mary's Bay auf der Insel Cape Breton an, wo sie auch die riesige Festung "Loisenburg" errichteten.

Das Museum in St. John's zeigt die Pläne der französischen Befestigungsanlagen von Placentia, wie auch von der französischen Fischereisiedlung, mit ihrer Kirche und dem Kloster. Die Hauptfestung, Fort Louis, lag am Jerseyufer und beherrschte den Hafeneingang. Hier befanden sich auch die Residenz des Kommandanten und die Wohnquartiere der Offiziere. Auf dem als Castle Hill bezeichneten Hügel - heute ein nationalhistorischer Platz - stand eine steinerne Redoute, die mit verschiedenen schweren Kanonen bestückt war. Auf dem Hügel oberhalb von Fort Louis stand ein kleiner Wachturm, den man Gallardin nannte. Die Franziskanerkirche stand in der Nähe der heutigen anglikanischen Kapelle. Dort sind auch alte Grabsteine mit Inschriften in baskischer Sprache zu besichtigen.

Einer dieser Grabsteine ist in gutem Zustand und die Inschrift lautet übersetzt: „Hier ruht, gestorben am 1. Mai 1676, John de Säle Casena, Sohn vom Hause des süßen Duftes". Ein weiterer größerer Stein hat die Form eines Tisches oder Altares. Er wurde zur Erinnerung an Suigarachipi aufgestellt. Dieser baskische Kapitän machte in der französischen Marine eine große Karriere. Er erlag seinen Verwundungen, die er im Kampf gegen die britische Flotte vor Placentia erhielt.

Als die Engländer im Jahre 1713 die Festungen von Placentia übernahmen, beauftragten sie einen Armeeingenieur, einen Bericht über den Zustand der Verteidigungsanlagen zu verfassen. Fort Louis wurde in einem sehr schlechten Zustand aufgefunden und es wurden neue Befestigungen vorgeschlagen, die heute als die "Town Side" bekannt sind. Zusätzlich wurde eine modernere Bastion am Strand errichtet. Dieses Fort Frederick befand sich in der Nähe vom "Main Gut". Die Festung auf dem "Castle Hill" wurde instandgesetzt. Zusätzliche Geschützbatterien wurden auf der anderen Straßenseite, auf halben Weg nach "Point Verde", in Stellung gebracht. Diese verschiedenen Befestigungen wurden bis einige Jahre nach dem Friedensschluß mit Napoleon unterhalten.

Nichts erinnert mehr an die Besitzergreifung durch Basken und Franzosen Nur ein paar zerbröckelnde Grabsteine und die wiederaufgebauten Festungsanlagen, die den Besucher in die ruhmreiche Zeit Frankreichs zurückversetzen, als das Land seinen Fuß auf Neufundland setzte. Einige alte Kanonen überlebten die Zeit und sind im vernachlässigten Kirchhof aufgestellt. Dort steht auch die große, in Stücke zerbrochene Altarplatte des Suigarachipi. so schläft er in der Nähe des Strandes, dessen Rauschen vielleicht an die Zypressenhaine an den Hängen seiner heimatlichen Pyrenäen erinnert. Und noch immer sind auf dem Grabstein die Worte zu lesen: „Cy Gis Johannes de Suigarchipi, Dit Croisic, Captaine de Fregate du Roi, Evieux 1694. Pour L 'Honneur de mon Prince J Älleis en suivant sä Carriere attaquer les ennemis..."

Eine Modernisierung des alten Placentia brachte die Nähe der großen Marinebasis in Argentia mit sich. Und viele Angehörige des Personals von Fort McAndrew haben nun ihren Wohnsitz in Placentia. Doch die Fischereiflotten, die früher jeden Frühling zu den Fanggründen am Kap St.Mary's ausliefen, sind verschwunden. Und am Strand wird nicht mehr der reichlich gefangene Fisch in der Sonne getrocknet.

So wurde die Stadt im Laufe ihrer Geschichte häufig von kriegerischen Auseinandersetzungen gebeutelt. Die Pracht von einst, der sich die alte Hauptstadt rühmte, lebt nur noch in Namen, wie Brule und CreVecoer weiter. Alte Fischer erzählen noch heute von geisterhaften Galleonen, die im Dunkel der Nacht durch die Straßen gleiten. Und von Pinassen, die lautlos im Schatten des Castle Hill auftauchen, um dann in der Dunkelheit des Berges Mount Pleasant zu verschwinden.