Die Wikinger in Newfoundland



Nur wenige Perioden in der Menschheitsgeschichte können farbigere Bilder heraufbeschwören als jene Ära, da die kühnen und kriegslüsternen Wikinger die Meere des nördlichen Europas eroberten und von ihren skandinavischen Häfen zu großen Entdeckungs- und Landnahmereisen aufbrachen. Und so kommt der Gedanke an ein dramatisches Bild: Drachenschiffe mit ihren hochgezogenen Schiffsenden und mit schwungvollen Rudern. Ergänzt durch ein quadratisches Wollsegel. Schutzschilder umsäumen den Schiffsbord und hinter ihnen die wilden Wikingerkrieger, bekleidet mit Ledergewändern und gehörnten Metallhelmen, die in der Sonne blitzen.

Sie hatten den Ruf als wilde und rücksichtslose Krieger, die in andere Länder fuhren, um sie zu terrorisieren. Nur wenige Opfer widerstanden der Wildheit ihrer räuberischen Überfälle. Mit der Entwicklung größerer und stärkerer Schiffe wagten sich diese Wikinger-Räuber weiter nach Westen vor. Zu den Shetland-, Orkney- und Farör Inseln und wohl auch nach Island.

Als sie Island erreichten und ständige Siedlungen errichteten, war es nur eine Frage der Zeit, bis die kühnsten Geister unter ihnen im Westen neue Horizonte suchten.

Erik der Rote war der Sohn Thorvalds, eines verbannten Mörders, der von Norwegen nach Island floh. Erik erhielt die gleiche Strafe. Im Jahre 982 floh er von Island. Freunden erzählte er, er würde nach dem Land ausschauen, das ein früherer Entdecker weiter westlich gesichtet hatte. Er erreichte eine von Eis eingeschlossene Küste, die er einige Jahre erkundete, bevor er nach Island zurückkehrte. Dort berichtete er, er habe gutes Land gefunden. Um Siedlungswillige anzulocken, nannte er hoffnungsvoll seine Entdeckung: Grönland. Im darauf folgenden Jahr führte Erik eine Expedition, die alle Voraussetzungen für eine ernsthafte Kolonisierung hatte. An den Fjorden von Grönlands Südwestküste bauten die Neuankömmlinge Häuser aus Stein und Torf und erschufen so Siedlungen, die augenscheinlich gut 500 Jahre überdauerten.

Als Bjarni Herjulfesson Island verließ, bald nach 986, um sich seinem Vater in Grönland anzuschließen, wurde er vei schlechtem Wetter weit nach Südwesten abgetrieben. Er erblickte eine ungastliche Küste. Ohne jedoch irgendwo an Land zu gehen, wandte er sich wieder dem offenen Meer zu und erreichte schließlich Grönland.

NachBjarni's Entdeckung organisierte Leif Erikson, Sohn von Erik dem Roten, eineExpedition. Er erreichte das ferne Nordland das Bjarni gesehen hatte - vermutlich Baffinland – und gab ihm den Namen Helluland (Land derflachen Steine).

Sich südwärts wendend, stieß er auf eine niedrige, bewaldete Küste mit weißen Sandstränden. Dies war offenbar Labrador, das von Leif den Namen Markland (Waldland) erhielt. Zum Schluss kam er an einen dritten Ort, der den Seefahrern wegen guter Weidegründe, Bauholz und Lachsgewässer besonders gefiel. Die Sagas erzählen uns, dass Leif dort große Häuser baute - und er „gab dem Land den Namen Vinland, wegen der guten Dinge, die sie dort fanden". Nachdem ungefähr ein Jahr vergangen war, kehrte er nach Grönland zurück.

Die glühende Schilderung von Vinland oder "Vinland dem guten" veranlaßte auch andere, Expeditionen in jenes Land zu schicken, das Erik gefunden hatte. Doch keine konnte sich dort dauerhaft etablieren und schließlich kehrte jede Gruppe nach Grönland zurück. Die Frau eines der Kolonisten, Thorfinn Karlsefni, brachte von der Reise einen kleinen Jungen zurück. Dieser Junge, genannt Snorri, war der erste Europäer, der in Amerika geboren wurde.

Historiker, die die Wikinger Sagas studierten, versuchten die Gegenden herauszufinden, die von den verwegenen Wikingern vor langer Zeit besucht und besiedelt wurden. Allgemein wurde es schon früh als Tatsache angesehen, dass die Nordmänner tatsächlich Amerika erreichten. Aber die faszinierende Frage war, wo genau „Vinland das Gute" zu finden war.

In den Sagas wurde auf die teilweise relativ kurzen Segeldistanzen nach Amerika hingewiesen. Das lässt vermuten, dass Vinland ziemlich weit im Norden lag. Viele Gelehrte glaubten, dass "Vin" sich auf wilde Weinbeeren bezieht. Daher meinten sie, Vinland müsse sich an einer weiter südlich gelegenen Atlantikküste befinden - in dem Gebiet, das heute als Neuengland bekannt ist.

Andere hingegen waren davon überzeugt, das "Vin" im Wort Vinland habe nichts mit wilden Weinbeeren zu tun. Vielmehr bedeute es in der alten norwegischen Sprache "Gras"- oder Weideland. Somit gab es eine weitere Meinung. Sie favorisierten ein Gebiet irgendwo an der Küste Newfoundlands oder Labradors.

Es war schon vor gut einem halben Jahrhunder,t als der angesehene Historiker W. A. Munn in überzeugender Weise darlegte, dass „Vinland das Gute" an der nördlichen Spitze Newfoundlands, an der Pistolet Bay, liegen mußte. Ja, er stellte sich vor, dass die Wikinger in der Gegend landeten, die heute als L'Anse-aux-Meadows bekannt ist, um dann nach dem Runden des Kap Onion in die Pistolet Bay zu segeln und an den Küsten des Milan-Fjordes zu siedeln.

Und es ist wirklich interessant, dass seine Theorien eine Wikingersiedlung nur wenige Meilen von dem Ort entfernt plazierte, wo 50 Jahre später die Archäologen sichtbare Zeugnisse eines norwegischen Dorfes ausgruben. Diese neuen Funde wurden in L'Anse-aux-Meadows gemacht, das Mr. Munn als einen der möglichen Landeplätze der Wikinger betrachtete.

Im Frühjahr des Jahres 1960 besuchte ein Wikingerforscher des 20. Jahrhunderts Newfoundland. Helge Ingstad, ein großer weißhaariger Norweger, verbrachte die meiste Zeit seines Berufslebens mit der wissenschaftlichen Suche und Erforschung der alten Geschichte der nördlichen und arktischen Zivilisation. Darüber hinaus publizierte er eine Anzahl umfassender Bücher. Als Norweger widmete er sich zum größten Teil den langwierigen und sorgfältigen Erforschungen des Geheimnisses der ersten Kolonisten auf Grönland. Aber auch dem Schicksal ihrer verschiedenen Expeditionen in den Westteil des Nordatlantiks.

In Übereinstimmung mit einer Anzahl anderer Gelehrter interpretierte Helge Ingstad die Island-Sagas dahingehend, „Vinland das Gute" müsse irgendwo in Newfoundland oder Labrador zu finden sein. Die systematische Suche nach Beweisen führte ihn aber auch nach Rhode Island im Staate Massachusetts und nach Nova Scotia.

Nach ersten Besichtigungen im Jahre 1960 kehrte Ingstad 1961 mit einer glänzend organisierten Forschergruppe zurück. Nach einer Reise über 4000 Meilen per Flugzeug und Boot kamen er und seine Mitarbeiter bei ihrem intensiven Studium und Forschungen an die Küsten von Newfoundland und Labrador. Sie führten sie schließlich nach L'Anse-aux-Meadows.

Durch sich in der Erdoberfläche schwach abzeichnende Konturen aufmerksam geworden, begannen sie unter der Leitung der erfahrenen Archäologin Mrs. Anne Ingstad mit sorgsamen Ausgrabungen. Sie fanden Reste, die an sehr alte Gebäude denken ließen. Man entdeckte insgesamt sieben Fundamente, die von ihrer Anlage her an die Großraumbauten im Wikingerstil erinnerten. Anne Ingstad fand auch einen kleinen, mit Schiefer eingefaßten Feuerplatz, sowie eine Kochmulde und Spuren eines Herdes. Am äußersten Rand des Ofens fand man eine mit Schiefer ausgelegte Nische im Maß von 16,5 cm x 25,5 cm. Man identifizierte sie als "ember bit" in der über Nacht einige mit Asche bedeckte Kohlestücke aufbewahrt wurden. Sie dienten dazu, am nächsten Morgen das Kochfeuer anzufachen. Ähnliche "Kochmulden" fand man auch auf verschiedenen Bauernhöfen Grönlands. So auf Brattahlid, der Heimat Eriks des Roten.

In den Jahren 1962-64 organisierte Ingstad neue Expeditionen. Deren Ausgrabungen und Entdeckungen enthüllten weitere Einzelheiten über die alte Siedlung. So hatte das große Haus eine Fläche von 21 x 16,5 Meter mit fünf oder sechs Räumen und verschiedenen Feuerstellen. Die meisten Häuser hatten Mauern aus Torf. Die Oberwände und Dächer bestanden vermutlich aus Holz.

In verschiedenen Häusern fand man Klumpen von Eisenschlacke. Die Forscher entdeckten reiche Lager von so genanntem "Raseneisenerz", das aus dem Boden ausgegraben und herausgeschmolzen wurde. Unter Führung von D. Kristjan Eldjarn gruben isländische Wissenschaftler der Gruppe an einigen Stellen einer Sandbank des Baches, der an der Siedlung vorbeifloß. Sie fanden hunderte von Schlackestücke, sowie einen großen Stein und den Grundriss einer Feuerstelle. All dies führt zum Schluß, dass der Stein in einer primitiven Schmiede als Amboss diente. Für den Betrieb der Schmiede wurde Holzkohle benötigt. Und die Forscher fanden in einer anderen Mulde am Rande der Schmiede eine dicke Schicht verkohlten Holzes.

Später wurde das Material nach der Radio-Carbon-Datierungsmethode geprüft. Für die Feuerstelle "Blacksmith" gab es zwei Ergebnisse. Eines lautete auf das Jahr 860 , das andere stammte aus dem Jahre 1060 (jeweils mit einer Schwankungsbreite von 70 Jahren).

Nach drei Jahren kamen die Hauptgrabungsarbeiten in L'Anse-aux-Meadows zum Abschluß. Ab 1964 dienten weitere Arbeiten dazu, die Ausgrabungsstätte und Ruinen zu restaurieren und wintersicher zu machen.

Während dieser Arbeiten unter Leitung von Mrs. Ingstad grub sich ein junger canadischer Helfer, Tony Beardsley, durch eine verbrannte Schicht aus Torf und Holzkohle. Hier fand er am 4. August 1964 ein winziges Steinrad. Es stellte sich als eine der größten achäologischen Entdeckungen Nordamerikas heraus. Es hat einen Durchmesser von 3,2 cm und wurde aus Speckstein geschnitzt. Technisch wird es als Spindelrad bezeich net und diente als Flugscheibe in einem Spinnrad. In den norwegischen Siedlungen Grönlands, Islands und Norwegens fand man viele gleichartige Geräte. Es bedeutet nicht weniger, als dass zu den Siedlern von L'Anse-aux-Meadows auch Frauen gehörten, die ihren Dienst im Haus versahen, als ihre Männer einen erfolglosen Weg für eine dauerhafte Siedlung auf Vinland suchten. Dies alles geschah gut 500 Jahre vor den Reisen des Columbus. Nach vielen Jahren der Spekulation und der Kontroversen zwischen Gelehrten und Historikern kommt der Entdeckung L'Anse-aux-Meadows eine enorme Bedeutung zu.

Dabei hat der Expeditionsführer, Helge Ingstad, sorgfältig vermieden, irgendeine besondere Aussage darüber zu machen, wo Leif Erikson oder andere Wikinger genau wohnten. Es ist unmöglich, den Ort einzelnen Kolonisten ganz zuzuordnen. Es ist durchaus möglich, dass die Nordlandreisenden auch an anderen Punkten der neufundländischen Küste Siedlungen gründeten. Die Wichtigkeit L'Anse-aux-Meadows liegt darin begründet, dass es sich hierbei um den einzigen Ort handelt, wo man tatsächlich Beweise fand, die den wissenschaftlichen Forschungen entsprachen.