Der Anfang in Deutschland


Fast zeitgleich mit den ersten Hundeschauen in England fand auch das deutsche Publikum Gefallen am Rassehund. 1863 wurde in Hamburg die erste Hundeausstellung veranstaltet, und nur sieben Jahre nach Gründung des „The Newfoundland Club" in Großbritannien etablierte sich 1893 anläßlich der internationalen Ausstellung des St. Bernhard-Klubs in München der „Neufundländer-Klub für den Kontinent" (heute: Deutscher Neufundländer Klub).

Über die Neufundländerzucht in Deutschland vor jenem Gründungsdatum gibt es wenig gesicherte Erkenntnisse. Immerhin wurde im Zuchtbuch Nr. 2 des „Vereins zur Veredelung der Hunderassen für Deutschland“ aus dem Jahre 1881 ein erster Rassestandard veröffentlicht, in dem es heißt:

Es wird nötig sein, beim Neufundländer zwei bestimmte getrennte Unterracen zu unterscheiden, da wir uns nicht wohl der gegenwärtig in England beliebten Auffassung des schlichthaarigen, einfarbig schwarzen Hundes als einzig zulässige Form anschließen können. -

Wir würden daher nach Haar und Färbung zu unterscheiden haben:

1. Der Neufundländer mit schlicht gewelltem Haar von durchweg schwarzer Färbung, weiße Abzeichen nicht erwünscht.

2. Der Neufundländer mit krausgelocktem oder gerolltem Haar, von Farbe weiß und schwarz gefleckt, schwarz mit weißen Abzeichen oder einfarbig schwarz. Diese Form würde gleich­zeitig dem englischen, sogenannten „Landseer-Type" entsprechen. Dagegen ist der kleine Labradorhund nach englischem Vorgange zu den Retrievern zu zählen."

Wie schwierig Berichte aus jener Zeit zu beurteilen sind, zeigt sich am Beispiel des Neufundländers „Moldau". Sein Foto wird in verschiedenen Publikationen gezeigt und mit verschiedenen Erläuterungen versehen.

In einem Sonderdruck des Schweizerischen Neufundländer- und Landseer-Klubs bringt der Autor Hans Räber zum Foto folgende Erklärung: „"Moldau", geworfen am 2. Juni 1879, Züchter H.P. Schuhmacher, Brennen. Auf der Rückseite des Bildes lesen wir in Max Sibers Handschrift: „Neufundländer mit gerolltem Haar. Ehrenpreis Berlin 1890. „Moldau", in Hannover sofort für England angekauft, angeblich für 1400 Mark, ist eine überaus imponierende Erscheinung, nicht sehr groß, aber sehr breit und stark gebaut, namentlich ist das Hinterteil, das bei Neufundländern oft viel zu wünschen übrig lässt, vollkommen flach und gut entwickelt. Behaarung glänzend und sanft gewellt. Leider hat er weiße Zehen."

Prof. Goerttler schreibt in seinem Buch „Neufundländer" zu diesem Foto:

"Moldau", NZB 1880, Ehrenpreis internationale Hundeausstellung Berlin. Rollhaar und großer weißer Brustfleck wären Grund, den Rüden heute nicht einmal mehr als mit „Gut" zu bewerten. Damals wurden die Kraushaarigen keineswegs beanstandet, sondern zum Teil sogar in eigenen Klassen gerichtet. Das „Kraushaar" ist eine jetzt heraus gezüchtete Erbanlage der „Eingeborenen".

Dr. Paul Träger schreibt schließlich in seiner Abhandlung „Der Landseer-Neufundländer", erschienen im 2. Zuchtbuch unseres Klubs:

Ein Landseer, der sich 1879 in Hannover zeigte, wurde sogar der Ehre gewürdigt, nach England importiert zu werden und brachte es dort zur Berühmtheit. Es war dies der Rüde „Moldau", und Hugh Dalziel selbst, der englische Richter der Ausstellung, kaufte ihn an."

Trotz der unterschiedlichen Daten scheint es sich um den gleichen Hund zu handeln. Bei dem von Räber beschriebenen Verkauf nach England wäre der Hund allerdings schon 11 Jahre alt gewesen. Und welche Farbe hatte er? Bei dem Foto, das Prof. Goerttler veröffentlichte, sind die weißen Pfoten und die weiße Schwanzspitze augenscheinlich weg retuschiert worden, und wie auf der Schweizer Reproduktion (der gleichen Aufnahme) zeigen sich helle Vorderläufe (black-and-tan?).

Halten wir uns also an das, was der damalige 1. Vorsitzende des Klubs, Herr Dr. Herting, im ersten Zuchtbuch über die züchterischen Bemühungen vor Gründung des zweitältesten Neufundländer-Klubs schrieb: „Es ist noch nicht sehr lange her, dass der Neufundländer bei uns eingeführt ist. Bekanntlich gebührt Herrn M. Hartenstein das Verdienst, zuerst Neufundländer aus England importiert, gezüchtet und auf deutschen Ausstellungen gezeigt zu haben. Diese Neufundländer waren alle schwarz-von einigen Landseern, die der Zwinger „Plavia" seinerzeit erhielt, hat man nichts mehr gehört. Nach Auflösung des Hartensteinschen Zwingers (1891) ging ein Teil des Zuchtmaterials „Hardy" („Odin" - „Ch. Sybil"), „Furness-Queen" („Ch. Courtier" - „Furnessia"), „Satanella" etc. in den Besitz des Herrn Eppler in Dusslingen über, der in einigen Jahren eine große Anzahl von Neufundländern damit gezüchtet hat. Diean-deren zerstreuten sich. Eine sehr erfolgreiche Zuchthündin, die alte brave „Lady Ramp" („Ch. The Black Prince" - „Hark"), kam nach Augsburg in den Besitz des Herrn Direktor W. Heyder und wurde hier in der Verbindung mit „Nelson" („Ch. Courtier" - „Jubilee"), den Herr Schürer erwarb, die Stammutter eines zahlreichen Neufundländer-Geschlechtes.

Etwa zur gleichen Zeit bemühten sich Schweizer Neufundländer-Freunde um Direktimporte. 1886 importierte der Schweizer Dr. Künzli, St. Gallen, „Melanie" und „Fox" direkt aus Neufundland, und 1889 war es Prof. Dr. Heim, der mit „Türk" einen weiteren Eingeborenen in die kontinentale Zucht brachte. Es waren, von wenigen Ausnahmen abgesehen, die letzten „Urneufundländer", die in die Edelzucht gingen. Interessanterweise wurden sie über Frankreich importiert, das ja nur noch die kleinen Außeninseln St. Pierre und Miquelon besaß. Kontakte, um über England an eingeborene Neufundländer zu kommen, gab es offenbar nicht. Wenn auch die aus England importierten Hunde die deutsche Zucht nachhaltiger beeinflussen sollten, lassen sich die heutigen Linien auch auf die Direkteinfuhren aus Neufundland zurückführen, und es wäre sicher interessant, ob sich die deutschen Linien genetisch noch von den englischen unterscheiden. Es wäre mit der DNA-Analyse vermutlich möglich.

Nach Gründung des „Neufundländer-Klubs für den Kontinent“(heute: Deutscher Neufundländer Klub)  bemühte man sich um weitere Tiere aus England, um die Zuchtbasis zu verbreitern. Auch sie sind in den Ahnenreihen unserer heutigen Neufundländer zu finden. Bis 1898 war damit die wesentliche Grundlage unserer heutigen Zucht gelegt. Es handelte sich um

Fishermaid" („Ch. Pirate King" -„Barnoss"),

Duke of Cumberland" („Ch. Gunville"- „Furnessia"),

Ch. Pirate King" („Ch. Courtier" - „Joan II"),

Duke of Westminster" („Armada" - „Leyland-Lassy"),

Legary"(„Ch.BoddlesEsqu."-„Queen Ethel"),

Pirate-Queen" („Ch. Pirate King" -„Legary"),

Sir Grimbarian" („Ch. Master Jumbo" - „Lady Yatrow"),

QueenoftheSea" („Hematite" - „Black Flora"),

Thirza", einen Neufundland-Import.

Alle diese Hunde waren schwarz, einige zeigten mehr oder weniger rostbraunen Anflug, ein kleinerer Teil hatte kleine weiße Abzeichen, die meisten zeigten kleine weiße Brustflecken, manche auch weiße Zehenspitzen. Da der englische Rassestandard den schwarzen Neufundländer bevorzugte und der deutsche Wert auf einen rein schwarzen Hund legte, beschäftigten sich die Züchter viel mit den auftretenden Farbabweichungen. Dr. Herting schreibt dazu im Zuchtbuch Nr. 1:

... Weitaus die Mehrzahl - 3/4 oder 4/5 aller Hunde dürfte nach meiner Schätzung noch zu niedrig gegriffen sein - hat weiße Abzeichen... Im Durchschnitt darf man sehr zufrieden sein, wenn in jedem Wurf von ca. 10 Jungen 2 bis 3 rein schwarze sich finden... Die weißen Abzeichen erscheinen zunächst an der Brust als Stern oder Strich. Nimmt das Weiße etwas mehr Überhand, so kommen dazu weiße Zehenspitzen; dehnt es sich noch mehr aus, so kommt noch eine kleine weiße Rutenspitze hinzu; greift es noch weiter, so wird aus dem Bruststern oder Strich eine weiße Kehle, die in seltenen Fällen auch zu einem weißen Halsring ausartet. Mit diesem erscheint auch immer ein weißer Strich auf dem Kopf. Ich habe solche Welpen schon aus rein schwarzen Eltern (in meinem Besitz) erzielt - allerdings seltene Fälle. Man dürfte mit derart gezeichneten Hunden nur einige Generationen Inzucht treiben, und das Weiße nähme bald so überhand, daß es auch den Mantel zerreißen würde (wie beim St. Bernhardshund), und der Landseer wäre fertig."

Trotz entsprechender züchterischer Bemühungen können auch nach 100 Jahren Neufundländerzucht die weißen Abzeichen immer noch beobachtet werden. Gleiches gilt für die Black-and-Tan-Färbung, die Dr. Herting im gleichen Artikel beschreibt und feststellt, daß sie in fast allen Linien auftritt. Auch dieses Merkmal hat sich bis in die heutigen Tage rezessiv vererbt. So fielen 1992 entsprechende Welpen.

Dr. Herting beobachtete schon damals: „Merkwürdigerweise waren diese Puppies in den ersten Wochen rein und glänzend schwarz. Mit 3 Wochen bemerkte man auf den Pfoten einzelne gelbe Haare, deren Zahl immer größer wurde, so daß die Pfoten schließlich dunkelgestromt aussahen."

Er berichtete weiter von gelegentlich wolfsfarbigen, grauen und braunen Tieren, die aus den schwarzen Stammeltern gefallen waren.

Bis 1898 wurden 143 Hunde in das Zuchtbuch eingetragen. Dabei handelte es sich immer um Einzeleintragungen. Tatsächlich fielen viel mehr Welpen. So hatte zum Beispiel  der Züchter Eppler aus Dusslingen zwischen 1891 und 1895 bei 27 Würfen 227 Welpen. Eingetragen wurden nur schwarze und braune Neufundländer.

1898 beschlossen die Mitglieder, dass der Championtitel „Sieger" nur schwarzen oder schwarz-weißen Neufundländern zuerkannt werden durfte.

(© Wolfgang Dettlaff)